Kontakt | Impressum

Die freundliche Revolution (Teil 2)

Wie wir mit Weisheit und Liebe über die gesellschaftliche Spaltung hinauswachsen

Die immer offensichtlicher werdende Spaltung in unserer Gesellschaft und die daraus resultierende Feindseligkeit beschäftigt mich sehr, bedrückt mich, macht mir Angst. Ich sehe mich als Psychotherapeut und Meditationslehrer auch in der Verantwortung, Menschen dabei zu unterstützen, mit dieser Situation umgehen zu können und vielleicht auch meinen Beitrag dazu zu leisten, über die psychologischen Wurzeln dieser Spaltungstendenz aufzuklären und dabei mitzuwirken, die dahinter liegenden unbewussten Automatismen zu entmachten. Für mich zeigt sich auch ganz deutlich, dass das Verstehen dieser Dynamik und die Fähigkeit, darüber hinauszuwachsen, zu individuellen und kollektiven Entwicklungssprüngen führen können und werden.

Der Text wird etwas länger und vielleicht ist dir auch alles, was ich schreibe schon bekannt. Letztlich versuche ich, Zusammenhänge aufzuzeigen, die klar machen, wie gesellschaftliche Spaltung ihren Ursprung in der inneren Spaltung jedes einzelnen Menschen hat und wie wir mit Achtsamkeit, Weisheit und (Selbst-)Liebe jedwede Anfälligkeit für äußere Spaltung hinter uns lassen können.

Natürlich ist das, was ich beschreibe, eine gewisse Vereinfachung, aber in der Essenz genau das, worum es meiner Meinung nach in diesem Moment in der Menschheitsgeschichte geht.

Wir beginnen am Lebensanfang: Wir kommen als vollständige, verbundene Wesen auf die Welt. Als Baby gibt es kaum Trennung, es fühlt sich eins mit sich und der Welt. Ich nenne diese Art der Persönlichkeit jetzt mal „360 Grad Selbst“ um seine Ganzheit zu unterstreichen. Wir werden in eine Familie, in eine Kultur hinein geboren, werden erzogen und „sozialisiert“ und wissen schon bald bewusst und auch unbewusst, was richtig und was falsch ist, wie wir uns verhalten, wie wir denken und fühlen müssen, um geliebt zu werden, Aufmerksamkeit, Bestätigung, Anerkennung zu bekommen, letztlich um dazuzugehören (was uns Sicherheit gibt und die Angst reduziert). Dann kommen bei fast jedem Menschen noch Verletzungen, kleinere und größere Traumatisierungen dazu und schon bald nehmen wir nicht mehr das „360 Grad Selbst“ wahr, sondern ein – sagen wir mal – „30 Grad Ego“.

Das Ego ist ein künstliches Selbst, das mehr ein gedankliches Konstrukt ist, als eine Realität. Es enthält alle Glaubenssätze und Muster, wie wir gerne sein wollen und wie wir nicht sein wollen. Und das, was nicht in dieses künstliche (aber vermeintlich essenziell notwendige) Selbstbild passt, wird gnadenlos verdrängt, ignoriert und abgespalten. Ich bin dann also ein intelligenter, liebenswerter, gutaussehender, gesunder, wertvoller, ehrlicher, sauberer, fleißiger (etc.) Mensch und alles an mir, das nicht so liebenswert oder intelligent, vielleicht sogar krank, unehrlich usw. ist, lehne ich grundsätzlich ab und kämpfe auch dagegen, wenn mich ein anderer Mensch anders sieht, als ich gerne gesehen werden würde. Es braucht viel Energie, um dieses „30 Grad Ego“ aufrecht zu erhalten.

Nur: wir bleiben, ob es in unser Selbstbild passt oder nicht, ein 360 Grad Mensch mit allem, was das Menschsein ausmacht! Wir sind animalisch und hoch geistig, wild und sanft, wütend und liebevoll, großartig und fürchterlich klein, unendlich liebend und unendlich hassend, schmutzig und rein, dazu in der Lage jemanden umzubringen und neues Leben zu zeugen, schön und erschreckend hässlich, unendlich weise und manchmal auch unglaublich dümmlich. Und alles dazwischen. Wir sind weder schwarz noch weiß, sondern ein ganzer Regenbogen. Wir sind dann durch dieses künstliche Ego von unserem wirklichen Sein abgeschnitten und wissen gar nicht mehr, wer wir eigentlich sind.

Wie daraus gesellschaftliche Spaltung entstehen kann, ist vielleicht nach diesen Worten schon klar. Um unser künstliches Selbstbild aufrecht zu erhalten, bekämpfen wir alles in uns, das nicht in dieses Bild hineinpasst. Das geht so weit, dass wir nicht mehr wissen, dass wir diese Anteile in uns überhaupt haben. Durch diese ständige Unterdrückung unseres eigentlichen Seins entsteht viel Spannung in uns. Erleichterung finden wir dann, wenn wir im Außen jemanden finden, der genau so ist, wie wir nicht sein wollen und diesen abgespaltenen Anteil auf diese Person „projizieren“ können.

Wunderbar, wenn wir jemanden gefunden haben, der in unseren Augen z.B. bösartig ist und wir diese Person dann innerlich oder äußerlich richtig runter machen und beschimpfen können. Noch schöner, wenn andere Menschen auch noch dieser Meinung sind und wir uns darin gegenseitig bestärken können, dass diese Person richtig „daneben“ ist. Dann ist die eigene (verdrängte, abgespaltene) Bösartigkeit beim „Anderen“ deponiert und ich bekämpfe sie dort. Und dann kann ich mich so richtig „gut“ fühlen, weil ja der Andere, der „offensichtlich“ Böse ist. Letztlich aber, bekämpfe ich im Anderen nur die eigenen verdrängten, abgespaltenen Anteile!

Verstärkt wird dieses Phänomen der Projektion, das ja schon seit sehr langer Zeit von Machthabern genutzt wird, um die Gesellschaft zu spalten und die eigene Gruppe zu einen (indem sie gegen eine oder mehrere andere Gruppe(n) aufgehetzt wird), durch das Phänomen, dass Menschen oder Gruppen, die man im Außen bekämpft, zu „Objekten“ werden. D.h. die „Anderen“ werden nicht mehr als Menschen mit Gefühlen, unterschiedlichsten positiven und negativen Eigenschaften wahrgenommen, sondern als unpersönliche, gesichtslose, stereotype „Un-Menschen“, die es auf jeden Fall verdient haben, beschimpft, abgewertet und ausgegrenzt zu werden.

Und dann gibt es für mich noch einen wesentlichen Faktor, der berücksichtigt werden sollte: Dieses „30 Grad Ego“ ist durch die Trennung von seiner Ganzheit und letztlich durch die Trennung vom Leben selbst, zutiefst ängstlich und sucht ständig nach Sicherheit. Da der Weg nach innen versperrt ist (da ja dort all die verdrängten Anteile und Gefühle lauern), kann die Suche nur nach außen gehen. Da auch der oft unbequeme Kontakt zum Körper abgeschnitten wurde, lebt das „30 Grad Ego“ oft mehr in kognitiven Konzepten als in der tatsächlichen Erfahrung des Lebens. Und damit suchen viele Menschen Sicherheit, Bestätigung, Erfüllung in äußeren Konzepten, Ideologien, Wertvorstellungen. Da ist es dann möglich, sich festzuhalten, sich weiter zu identifizieren und auch den eigenen Selbstwert zu bestärken. Und so können dann Meinungen nicht mehr einfach Meinungen sein, sondern sind Sicherheit spendender Teil des künstlichen Selbstbildes und müssen genau wie alles andere dieses Egos mit allen Mitteln verteidigt werden.

Noch etwas Wichtiges: Fehlt uns der Kontakt zu einem Großteil unseres Menschseins, verlieren wir unseren „inneren Kompass“, unseren „Felt Sense“ für das, was uns gut tut und was nicht, was sich für uns ganz persönlich richtig anfühlt und was nicht. Wir lernen zusätzlich noch von klein auf, dass unsere Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, kurz gesagt alle „Autoritäten“ es besser wissen als wir selbst. Wir haben unsere innere Führung verloren und suchen ständig danach, dass uns äußere Autoritäten sagen, was richtig und falsch ist, und v.a. dass wir selbst richtig und nicht falsch sind.

Wenn wir all diese Mechanismen nicht durchschauen, sind wir Manipulationen ungeschützt ausgeliefert. Und viele von uns halten sich ja heutzutage für besonders frei und unabhängig in ihrer Meinung. Und wenn dieser Irrglaube Teil unseres künstlichen Selbstbildes ist, müssen wir unsere Manipulierbarkeit verdrängen, und merken nicht einmal, wie wir unsere Meinung wechseln, wie ein Fähnchen im Wind.

Alexander Solschenizyn hat den Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Spaltung sehr schön zusammengefasst:

„Wenn alles nur so einfach wäre!
Wenn da nur böse Menschen wären
und es nur nötig wäre,
diese von uns anderen zu trennen
und sie zu zerstören.

Aber die Trennlinie zwischen
gut und böse
schneidet durch das Herz
jedes menschlichen Wesens

Und wer will schon
ein Stück seines eigenen Herzens zerstören?“

Wie die gesellschaftliche Spaltung zu unserer Lehrmeisterin wird

Der Weg aus der Spaltung und damit in unsere Ganzheit führt konsequent nach innen und über die Integration unserer abgespaltenen, verdrängten und ungeliebten Anteile. Und dazu braucht es die Qualitäten, die wir z.B. mit Achtsamkeits- und Mettameditation kultivieren: Achtsamkeit, Weisheit und (Selbst-) Liebe. Und es braucht Mut!

Kurz zusammen gefasst geht es darum, dass wir unser Herz und unseren Geist immer weiter und offener werden lassen, sodass der ganze Regenbogen unseres Menschseins darin Platz finden, akzeptiert und geliebt werden kann.

Weisheit und Achtsamkeit braucht es, um immer klarer zu erkennen, wie wir unsere innere Spaltung nach außen projizieren, und um uns immer weniger mit unseren Gedanken und unseren Meinungen zu identifizieren. Und es braucht auch die immer stabilere Verankerung im jetzigen Moment, sodass wir, sobald wir erkennen, dass wir projizieren, die Aufmerksamkeit auf uns selbst lenken können.

Und es braucht dann die ständige Übung und den Mut, sobald ich projiziere (ich erkenne das sehr oft daran, dass die emotionale Ladung, die in mir aufsteigt, viel größer ist, als es für die Situation im Außen adäquat wäre), konsequent die Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken, wahrzunehmen, welche Gefühle in mir gerade da sind, wie sich mein Körper anfühlt, welche Qualität mein Geist gerade hat, um mit der Zeit immer mehr in Kontakt damit zu kommen, welche Gefühle oder Anteile da tatsächlich nach außen projiziert werden.

Vielleicht komme ich dann mit ungeliebten, oder irgendwann in meinem Leben unerträglich gewesenen Gefühlen, wie Scham, Wertlosigkeit, Einsamkeit, Ohnmacht, Hass, Verletztheit oder Wut in Kontakt – oder auch anderen Gefühlen, die wir ein Leben lang versucht haben zu vermeiden. Doch je mehr wir achtsam forschend und immer weniger wertend, mit all diesen Gefühlen und all unseren Schatten in Kontakt gehen und sie nicht mehr „weghaben wollen“, desto mehr können wir diese integrieren, desto mehr wachsen und reifen wir. Und wir erahnen und erkennen immer mehr das „360 Grad Selbst“ hinter dem „30 Grad Ego“.

Dazu braucht es eben auch Liebe, die mit Weisheit verbunden ist. Nicht die romantische Liebe, die zumeist an Bedingungen geknüpft ist, sondern eine liebevolle, wohlwollende, freundliche Grundhaltung, die uns erlaubt, alles an uns, was einfach nur zutiefst menschlich ist, anzunehmen und vielleicht sogar wertzuschätzen. Eine bedingungslose Liebe, die unser Herz öffnet und uns wieder in Verbindung mit unserem grundlegenden Menschsein und dem Leben selbst bringt.

So kann also jeder Mensch oder jede Gruppe von Menschen, den oder die wir wütend bekämpfen, abwerten, lächerlich machen, ausgrenzen, zu unserem Lehrmeister oder unserer Lehrmeisterin werden und uns zu Reifung und Ganzheit führen. Sofern wir den Willen haben, nicht den emotionalen Automatismen des Egos zu folgen, sondern die Projektionen als solche zu erkennen und den Fokus auf uns selbst zu lenken. Natürlich können wir auch weiterhin projizieren, andere richtig runtermachen und uns mit Gleichgesinnten zusammentun, um zu hetzen. Es ist eine Entscheidung! Aber vielleicht von nun an in dem Bewusstsein, dass wir damit nicht nur Spaltung und Hass im Außen schüren, sondern dass wir durch dieses Tun auch immer unsere innere Spaltung und unseren Selbsthass vergrößern! Gesünder und glücklicher werden wir dadurch eher nicht!

Wenn wir immer mehr mit all unseren Teilen in Kontakt sind und die Weisheit und das Herz haben, das Menschsein an sich wertzuschätzen, werden wir merken, dass wir immer weniger das Bedürfnis haben, andere Menschen abzuwerten oder auszugrenzen. Wir müssen nicht mehr ständig unser Ego nähren und uns über andere stellen, um uns wertvoll zu fühlen. Wir werden unser Gegenüber wieder als Menschen wahrnehmen und spüren, uns verbunden fühlen, empathisch und mitfühlend. Das Gemeinsame wieder mehr spüren als das Trennende. Und damit geht die Manipulation, die Spaltung schaffen möchte, ins Leere.

Und nicht nur das: letztlich ist diese Integration unserer Anteile der Weg zu unserer „Ganzheit“ und damit ein Weg der Heilung. Wir sind entspannter, gesünder, das Leben ist aus sich heraus sinnvoll und wir brauchen keinen Sinn mehr im Außen zu suchen. Wir brauchen auch keine Bestätigung, Anerkennung mehr von außen, sind frei, der Mensch zu sein, der wir sind, die Arbeit zu machen, die uns Freude macht. Wir gehen ganz anders in Beziehung, als ganzer Mensch und sind damit beziehungsfähiger, weniger abhängig und bedürftig und brauchen uns nicht mehr zu verbiegen, nur um Liebe zu bekommen. Wir sind in Kontakt mit unseren Gefühlen, brauchen daher keine Ablenkungen mehr im Außen, damit wir uns nicht spüren – keine Dauer-Medien-Berieselung, keinen unsinnigen Konsum, keine Arbeitssucht, keine Substanzen, keine Adrenalin-Action. Menschen, die sich wieder ganz spüren, spüren auch andere Menschen wieder, spüren andere Lebewesen, die Natur. Menschen, die ihrem „Felt Sense“ wieder vertrauen, sind weniger anfällig ständig die Wahrheit bei äußeren Autoritäten zu suchen, fallen nicht auf hochglanz-polierte Oberflächen von PolitikerInnen und Unternehmen herein.

Ja, wenn viele Menschen, den Mut hätten, diesen Weg der Integration, den Weg der Heilung zu gehen, kann sich ein großes revolutionäres oder eigentlich evolutionäres Potenzial entfalten. Wir schaffen damit eine neue Art des wertschätzenden Miteinanders, eine heilsamere Art des Wirtschaftens, in der das Wohl aller Lebewesen im Mittelpunkt steht, und v.a. auch politische Systeme, die nicht den Interessen einer „herrschenden Klasse“, sondern allen Lebewesen dienen. Und vielleicht könnten wir endlich auch damit beginnen, unseren Kindern von Anfang an einen liebevollen Raum zu schenken, in dem sie sich ihrer Natur entsprechend entfalten können.

Ich möchte euch einladen, den Weg der Freundlichkeit und Integration auszuprobieren und wenn es sich richtig anfühlt, diesen Weg auch konsequent zu gehen. Es ist sicher nicht der einfache Weg – einfacher ist es, den unbewussten Automatismen zu folgen und mit den laut schreienden MeinungsmacherInnen mitzulaufen. Aber es ist ganz sicher der gesündere Weg für uns als Individuum und auch als Kollektiv! Ich wünsche uns allen, dass Weisheit und Liebe zu wesentlichen Qualitäten in unserem Miteinander werden und wir erkennen, dass jeder Mensch diese Qualitäten im Überfluss in sich trägt!